Jedes Jahr aufs Neue freue ich mich auf den Zeitpunkt, an dem die Brennnesselernte beginnt. Aus dieser außergewöhnlich nährstoffreichen Pflanze lassen sich zahlreiche wertvolle und schmackhafte Rezepte herstellen. In Wurzeln und Blättern der Brennnessel (Urtica dioica) wurden bislang rund 100 potenziell wirksame Einzelsubstanzen identifiziert. Neben einem hohen Gehalt an Mineralstoffen wie Kalium, Calcium, Magnesium und Silicium sowie Eisen und Vitaminen (insbesondere Vitamin C und Provitamin A) zeichnet sie sich vor allem durch ihren bemerkenswert hohen Chlorophyllgehalt aus, der Stoffwechselprozesse und die Blutbildung unterstützend fördern kann.
Mit ihren entzündungshemmenden, schmerzlindernden, harntreibenden und antioxidativen Eigenschaften – um nur einige der wichtigsten Wirkungen zu nennen – hat sich die robuste und anpassungsfähige Pflanze ihren Status als traditionelle Heilpflanze mehr als verdient. Verantwortlich dafür sind unter anderem sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Phenolsäuren und Lignane sowie in der Wurzel enthaltene Phytosterole, die insbesondere in der Phytotherapie genutzt werden.
Eines meiner Lieblingsrezepte ist der Brennnesselsirup. Besonders im Frühjahr oder im Hochsommer zeigt er eine auffallend schöne rosa bis rötliche Färbung. Wird der optimale Erntezeitpunkt verpasst, bleibt der Sirup eher gelblich. Auch dieser ist geschmacklich und gesundheitlich wertvoll, enthält jedoch deutlich weniger Anthocyane – sekundäre Pflanzenstoffe mit ausgeprägter antioxidativer Wirkung.
Anthocyane sind wasserlösliche Pflanzenfarbstoffe aus der Gruppe der Flavonoide, die vor allem in Beeren wie Heidelbeeren, Himbeeren oder Erdbeeren vorkommen und für rote, violette und blaue Farbtöne verantwortlich sind. In Pflanzen übernehmen sie eine wichtige Schutzfunktion: Sie wirken als „Lichtschutzfilter“ und schützen vor UV-Strahlung, oxidativem Stress sowie vor Kälte- und Hitzeschäden. Daher wird ihre Produktion insbesondere bei niedrigen Temperaturen im Frühjahr oder bei intensiver Sonneneinstrahlung im Sommer verstärkt. Dieses Phänomen lässt sich auch bei vielen Gartenpflanzen beobachten – etwa wenn sich Stängel oder Blätter von Rosen rötlich verfärben.
Dem Brennnesselsirup wird zudem eine leicht entwässernde Wirkung zugeschrieben, die auf den hohen Kaliumgehalt zurückzuführen ist. Darüber hinaus können die enthaltenen Antioxidantien dazu beitragen, oxidative Prozesse im Körper zu reduzieren, was im weitesten Sinne auch als Unterstützung für Hautgesundheit und Zellschutz – oft im Zusammenhang mit „Anti-Aging“ – diskutiert wird.
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